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Ruhe im Sturm

Ruhe
Ruhe im Sturm

Die Seele baumeln lassen, tief durchatmen, sich um nichts sorgen müssen und endlich zur Ruhe kommen – danach sehnen sich wohl die meisten von uns. Doch das beschreibt leider nur in den seltensten Fällen unseren Alltag, der in der Realität von Arbeiten und Pflichten oft bis in den letzten Winkel ausgefüllt ist. Wenn sich dann noch Konfrontationen am Arbeitsplatz oder in der Familie oder finanzielle Nöte gleich einer riesigen Welle vor uns auftürmen, fühlen wir uns rasch hilflos und ohne jeden Halt.  Wenn das Leben mehr einem heftigen Meeres­sturm als einer friedlichen Oase gleicht und die Umstände es einem scheinbar unmöglich machen, gelassen und ruhig zu bleiben, werden Frust, Stress und Hetze wiederum zu Katalysatoren von noch mehr Unfrieden, Streit und Unbehagen.

Gibt es überhaupt ein Entkommen aus diesem Strudel der Umtriebigkeit? Wie finde ich zur ersehnten Ruhe, gerade wenn alles um mich her tobt und wütet? Sind wir das hilflose Opfer unserer verzehrenden Arbeit oder unseres Zeitgeistes? Ist es möglich, trotz des Sturms um uns herum den inneren Frieden zu bewahren oder vielleicht wiederzufinden? 

Oft hilft schon ein kleiner Perspektivenwechsel, um wieder etwas mehr Boden unter den Füßen zu spüren. Wir nehmen unsere Umgebung und alles, was um uns herum passiert, individuell meist sehr unterschiedlich wahr. Das lässt sich am besten anhand der unterschiedlichen Schilderungen von Zeugen eines Hergangs demonstrieren. Ein und dieselbe Sache oder ein und dasselbe Ereignis wird von jedem Einzelnen auf seine Weise wahrgenommen und interpretiert. So liegt es vor allem an der Bewertung der auf uns einwirkenden Reize, wie wir fühlen und auf diese reagieren. 

Perspektiven-Wechsel: Das Leben

Auch wenn wir uns dessen oft nicht bewusst sind, haben wir doch alle gewisse Vorstellungen vom Leben. Vorstellungen davon, wie gewisse Dinge zu sein oder abzulaufen haben. Erwartungen, dass z. B. auf jede Bemühung auch eine Entschädigung oder Belohnung folgen sollte. Geschieht dies nicht, suchen wir nach der Ursache des Problems – dies meist bei anderen – oder gelegentlich auch bei uns selbst. Dadurch setzen wir womöglich andere oder uns selbst unter Druck.

Wir haben vielleicht auch eine gewisse Vorstellung davon, wie sich die Ordnung um uns herum gestalten sollte. Deckt sich die Wirklichkeit aus irgendeinem Grund nicht mit dem gewünschten Zustand, fühlen wir uns unbehaglich oder gar gestresst und innerlich unzufrieden. Natürlich können, dürfen und sollen wir auch zu einem gewissen Grad unsere Umgebung beeinflussen und für Ordnung, die uns und anderen guttut, sorgen. Eine angenehme und schöne Umgebung kann nämlich für unsere Entspannung und Erholung sehr förderlich sein. Auf der anderen Seite gibt es vielleicht Umstände, die das Erscheinungsbild unserer Umgebung zweitrangig werden lassen. Vielleicht könnte uns das Bedenken dieser Umstände helfen, unsere Erwartungen und dadurch auch unseren Stresspegel herunterzuschrauben.

Perspektiven-Wechsel: Mein Gegenüber

Auch unsere Vorstellung vom anderen, vom Gegenüber hat etwas mit der Bewertung stressvoller Situationen zu tun. Was ich vom anderen erwarte, wie ich über ihn denke oder in welcher Beziehung ich zu ihm stehe, das entscheidet maßgeblich darüber, wie ich Situationen, Handlungen und Begegnungen im zwischenmenschlichen Bereich interpretiere. Entsprechend meiner Bewertungen werden gute, angenehme, wohlgesinnte, vertrauensvolle und zuversichtliche Gedanken und Emotionen, aber auch Gedanken des Misstrauens, der Feindseligkeit und des Unfriedens sowie Gefühle der Wut oder Angst entstehen. Folgende Fragen können helfen, gedankliche Verzerrungen zu enttarnen und die Perspektive zu wechseln:

  • Was erwartet der andere von mir? Entspricht mein Empfinden wirklich der Realität?
  • Was erwarte ich vom anderen? Habe ich vielleicht zu hohe Ansprüche? Kann ich Gnade und Vergebung entgegenbringen, so wie diese auch mir manchmal von anderen entgegengebracht werden?
  • Kann ich dem anderen doch vertrauen?
  • Kann und muss ich wirklich jeden um mich herum zufriedenstellen?
  • Muss ich vor dem anderen wirklich Angst haben oder mich unterlegen fühlen?
  • Sollte mein Verhalten wirklich von der Meinung des anderen abhängen oder gibt es vielleicht ­­andere/bessere Gründe, die für oder gegen
    mein Verhalten sprechen?
  • Ist das Missfallen meines
    Gegenübers begründet?
  • Hat der andere vielleicht einfach einen schlechten Tag und ist heute mit dem falschen Fuß aufgestanden?
  • Ist der andere vielleicht durch Erziehung und Lebensumstände geformt worden und deshalb etwas «schwierig»?
  • Ist dem anderen vielleicht eine Not widerfahren, die sein Verhalten verständlicher macht?

Dadurch kann sich eine angespannte oder misstrauische Haltung in eine positive und zuversichtliche verwandeln. Und nicht nur das - unsere Einstellung und positive Einschätzung des anderen können das Wesen unseres Gegenübers tatsächlich beeinflussen und in eine positive Richtung lenken. Das funktioniert allerdings auch umgekehrt. Somit können wir durch eine gedankliche Umstrukturierung und Entzerrung von Fehl­einschätzungen für mehr Frieden im zwischenmenschlichen Durcheinander sorgen sowie eine Haltung der Ruhe und der Zuversicht bewahren.

Perspektiven-Wechsel: Ich selbst

Jedoch hat nicht nur mein Gegenüber etwas mit meiner inneren Ausgeglichenheit zu tun. Genauso wie ich andere bewerte oder von anderen etwas erwarte, stelle ich auch an mich selbst Erwartungen und habe von mir selbst Überzeugungen, die mein emotionales und auch körperliches Wohlbefinden beeinflussen. Auch diese gilt es zu überprüfen und auf Fehlinterpretationen hin zu untersuchen. In einem Zeitalter, in dem die Selbstverwirklichung und Selbstachtung sehr groß geschrieben werden, kann es jedoch auch passieren, dass unsere Selbstfürsorge leicht aus dem Gleichgewicht gerät und aus einer gesunden Selbstannahme ein Hang zum übertriebenen «An-sich-Denken» und «Für-sich-Sorgen» entsteht, der keineswegs nur Frieden und innere Ruhe stiftet. 

Eine andere Maxime, schon deutlich älter als die Theorien der neuzeitlichen Psychologie, aber immer noch für viele Menschen maßgebend und richtungsweisend, beschreibt nämlich das genau entgegengesetzte Prinzip: Je weniger ich an mich selbst denke und für meine Rechte kämpfe, desto mehr Frieden und innere Ruhe werde ich erfahren. «Nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir, denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen. Denn mein Joch ist sanft und meine Last ist leicht» – so ein bekanntes Bibelwort aus dem Neuen Testament.

Zwar wird diese Haltung mit einem «Joch» in Verbindung gebracht, da eine derartige Lebensweise anscheinend nicht ohne Überwindung und Mühe angenommen werden kann, doch wird diese «Last» zugleich als sanft und leicht beschrieben. Ein innerlicher Zustand der Leichtigkeit, nach dem sich der Mensch sehnt, erfordert somit einen gewissen Mut zur Demut.

Mein Perspektiven-Wechsel: Mein spirituelles Bild

Als Wesen mit einer körperlichen, geistigen und seelischen  Dimension steht der Mensch, ob bewusst oder unbewusst, auch unter dem Einfluss seiner eigenen spirituellen Bewertungen und Interpretationen. Glaubt der Mensch an ein Prinzip, das über allem steht, oder an ein höheres Wesen, so haben sein Bild und seine Ansicht von dieser höheren Macht oder von diesem höher stehenden Prinzip einen nicht zu unterschätzenden, wenn nicht sogar entscheidenden Einfluss auf die Bewertung der Umstände und Situationen des Lebens. Aus meiner eigenen Erfahrung kann ich nur von dem Gottesbild, welches mir die biblischen Berichte aufzeigen, sprechen. Dieses zeigt mir einen unglaublich liebevollen, demütigen und vergebenden Gott, der sich wie ein Vater mit seinem Leben für sein Kind verbürgt. Und genau dieser liebende Vater ist es, der die Einladung ausspricht: «Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken.» In Zeiten der Unruhe, der Rastlosigkeit und der Not kann ich zuversichtlich sein, denn mein Gottesbild sagt mir, dass ich nicht allein und ohne Schutz den Stürmen meines Lebens ausgesetzt bin.