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Dankbar trauern

Optimismus
Dankbar trauern

Wenn Sie diese Zeilen lesen, wird es genau ein Jahr her sein: Ein wunderschöner, warmer Sommertag. Vogelgezwitscher, strahlender Sonnenschein. Ein Ruck … und meine geliebte Frau ist tot. Aus «heiterem Himmel». Rettungsdienst … Wiederbelebungsversuche … Kriminalpolizei … Notfallseelsorge. Carol war allem Anschein nach kerngesund, gerade einmal 55 Jahre alt, hatte am Vormittag noch Saxophon im Gottesdienst gespielt, mit Freunden geplaudert, am Tag zuvor noch einen leckeren Käsekuchen zum Gedenken an den Geburtstag meiner Mutter gebacken. Eine Woche zuvor waren wir noch im Urlaub auf der Isle of Wight im Süden Englands. Mit einem Mal war alles vorbei. Und fast, als stünde ich neben mir, konnte ich beobachten, wie ich in einen Schockzustand geriet.

Nichts von alledem

Yorick Spiegel hatte all das in seinem Buch «Der Prozess des Trauerns» beschrieben. Als Dozent für Lebensberatung und ehemaliger Krankenhausseelsorger wusste ich genau, was hier mit mir geschah und was alles noch folgen würde. Nach dem Schock würde die Phase der Kontrolle beginnen. Ich würde die Benachrichtigung der Kinder und der Geschwister organisieren, dann die Beerdigung, Traueranzeigen versenden, den Gospelsaxophonisten einladen, der Carol inspiriert hatte, mit über 50 Jahren noch einmal zu beginnen, ein Instrument zu erlernen. Alles ganz kontrolliert und gefasst. Erst später würde ich dann in die Regression fallen, jene tiefe Trauer, bei der ich niemanden sehen und ganz sicher nicht gesehen werden wollte, bevor dann sehr langsam die Phase der Anpassung beginnen sollte.

Was ich allerdings nicht erlebt habe, waren Zorn oder Wut. Manche guten Freunde hatten ja gemeint, ich müsse Zorn gegenüber dem Rettungspersonal empfinden (ich erfuhr ja erst sehr viel später, dass sie absolut nichts hätten ausrichten können), gegenüber der eher unsensiblen Polizei (indiskrete Befragung, Beschlagnahmung des Leichnams könnten durchaus ärgerlich machen); schlussendlich gegenüber Gott, der mein Leben im Jahr zuvor durch Krankheit und Bangen hindurch bewahrt hatte, nur um jetzt von einem Moment auf den nächsten meine geliebte Frau, die Mutter unserer drei Kinder, die Oma unserer drei Enkel von meiner Seite zu reißen – oder es doch zumindest zuzulassen. Nichts von alledem. Wie kann das sein?

Optimistisch trauern?

Als die Anfrage der Redaktion von Leben & Gesundheit kam, diesen Artikel zu schreiben, war dies für mich eine Einladung, noch einmal sehr genau zu überdenken, was es eigentlich war, was mich in dieser Zeit gehalten hat. Kann man «optimistisch trauern»? Gibt es eine Zuversicht in Krisen? Natürlich gibt es sie. Als Christ glaube ich an die Auferstehung der Toten und bin überzeugt davon, dass das Geborgensein in Gott nicht mit dem Tod endet. All das gibt es. Und doch bleibe ich misstrauisch, wenn Trauer allzu optimistisch vorgetragen wird.

 

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